Wenn aus schlechtem Hören Einsamkeit wird
Warum Selbsthilfe auch für die seelische Gesundheit wichtig ist
„Ich habe irgendwann aufgehört nachzufragen: Was hast Du gesagt?!“
Es ist ein unscheinbarer Satz. Und doch kann er eine lange Entwicklung beschreiben.
Am Anfang steht vielleicht nur die Bitte, etwas noch einmal zu sagen. Dann wird häufiger nachgefragt. Gespräche in größeren Runden werden anstrengend, weil mehrere Stimmen durcheinandergehen. Im Restaurant geht vieles im Hintergrundgeräusch unter. Bei Familienfeiern versteht man nur noch Teile dessen, worüber die anderen lachen.
Irgendwann beginnt ein Mensch, Situationen zu vermeiden, die ihm früher selbstverständlich waren. Nicht, weil er kein Interesse mehr an anderen Menschen hätte. Nicht, weil er lieber allein sein möchte. Sondern weil das Zuhören zu anstrengend geworden ist und die Erfahrung, immer wieder nicht zu verstehen, zunehmend belastet. Aus einer Hörbeeinträchtigung kann so allmählich ein sozialer Rückzug werden. Und aus dem Rückzug kann Einsamkeit entstehen.
Zum Welttag der seelischen Gesundheit am 10. Oktober lohnt deshalb auch ein Blick auf die Folgen des Hörverlusts, über die weniger gesprochen wird: Was macht es mit einem Menschen, wenn er immer weniger an Gesprächen und damit am sozialen Leben teilnehmen kann?
Die Weltgesundheitsorganisation weist darauf hin, dass nicht versorgter Hörverlust weit über die Einschränkung des Hörens hinausgehen kann. Zu den möglichen Folgen gehören soziale Isolation, Einsamkeit und Frustration. Auch die psychosoziale Gesundheit und die Lebensqualität können beeinträchtigt werden.
Dabei ist Einsamkeit nicht dasselbe wie Alleinsein. Ein Mensch kann allein leben und sich dabei durchaus wohlfühlen. Einsamkeit entsteht vielmehr dann, wenn die sozialen Beziehungen, die ein Mensch hat, nicht seinen eigenen Bedürfnissen entsprechen. Die WHO beschreibt sie als eine belastende Lücke zwischen den sozialen Verbindungen, die jemand hat, und denen, die er sich wünscht oder benötigt. Gerade bei einer Hörbeeinträchtigung kann diese Lücke unbemerkt größer werden.
Wenn Rückzug zum Schutz wird
Wer immer wieder erlebt, dass Gespräche anstrengend sind, entwickelt Strategien. Viele setzen sich möglichst weit nach vorn, bitten andere, deutlicher zu sprechen, versuchen von den Lippen abzulesen und konzentrieren sich stärker als früher. Irgendwann werden aus solchen Strategien Vermeidungsstrategien: Situationen, in denen das Verstehen besonders schwierig ist, werden lieber ganz gemieden.
Ein Abend mit Freunden wird abgesagt, weil man ohnehin kaum etwas verstehen wird. Der Vereinsabend wird irgendwann zur Belastung. Telefonate werden seltener. Bei einer Familienfeier sitzt man zwar mitten unter den anderen, fühlt sich aber trotzdem nicht wirklich beteiligt.
Solcher Rückzug geschieht häufig nicht bewusst. Er kann sich Schritt für Schritt entwickeln und wird erst später wahrgenommen. Die Betroffenen selbst empfinden ihn möglicherweise zunächst sogar als Erleichterung. Sie müssen nicht mehr ständig nachfragen, sich nicht mehr dafür entschuldigen, etwas nicht verstanden zu haben, und erleben nicht jedes Mal aufs Neue das Gefühl, dem Gespräch nicht folgen zu können.
Doch was kurzfristig entlastet, kann langfristig einsam machen.
Forschungsarbeiten zeigen einen Zusammenhang zwischen Hörverlust und sozialer Isolation beziehungsweise Einsamkeit. Eine systematische Übersichtsarbeit kommt zu dem Ergebnis, dass Hörverlust die soziale Interaktion beeinträchtigen kann und mit sozialer Isolation und Einsamkeit verbunden ist. Das bedeutet nicht, dass Hörverlust zwangsläufig zu Einsamkeit oder einer psychischen Erkrankung führt. Aber er kann einen Kreislauf in Gang setzen, den es ernst zu nehmen gilt.
Wenn das Verstehen schwerer wird, kann auch die Teilnahme am sozialen Leben zurückgehen. Daraus entstehen weniger Begegnungen, und irgendwann kann das Gefühl wachsen, nicht mehr richtig dazuzugehören.
Wenn die Seele mitbetroffen ist
Für viele Menschen ist der schwierigste Teil des Hörverlusts deshalb nicht einmal das schlechtere Hören selbst. Es ist das Gefühl, den Anschluss an die eigene Umwelt zu verlieren.
Wer ständig aufpassen muss, um ein Gespräch zu verstehen, ist schneller erschöpft. Wer häufig nachfragen muss, kann sich unsicher fühlen. Und wer immer wieder erlebt, dass andere lachen, während er selbst den Zusammenhang nicht verstanden hat, kann irgendwann das Gefühl bekommen, außen vor zu sein.
Scham, Frustration, Unsicherheit und Rückzug können die Folgen sein. Die WHO beschreibt bei Menschen mit Hörverlust unter anderem sozialen Rückzug, Verlegenheit, Ablehnungserfahrungen und Angst. Gleichzeitig weist sie darauf hin, dass soziale Isolation und Einsamkeit die psychische Gesundheit beeinträchtigen können.
Damit wird deutlich: Hören ist nicht nur eine Frage der Akustik. Es geht auch um Beziehung, Kommunikation und Zugehörigkeit. Und genau hier bekommt die Selbsthilfe ihre Bedeutung.
Nicht allein bleiben
Selbsthilfe kann einen Hörverlust nicht beseitigen. Sie ersetzt weder eine medizinische Behandlung noch eine notwendige psychotherapeutische Unterstützung.
Aber sie kann, wenn sie rechtzeitig eingesetzt wird, helfen, Überforderung, Rückzug und Einsamkeit entgegenzuwirken und einer seelischen Belastung vorzubeugen.
In einer Selbsthilfegruppe muss niemand lange erklären, warum ein Gespräch in einer lauten Gaststätte schwierig ist. Niemand muss sich dafür rechtfertigen, dass er noch einmal nachfragt. Und niemand muss den Eindruck haben, mit seinen Erfahrungen allein zu sein.
Hier treffen Menschen auf andere, die ähnliche Situationen kennen. Sie können Informationen austauschen, über ihre Erfahrungen sprechen und gemeinsam nach Wegen suchen, mit der Hörbeeinträchtigung im Alltag besser zurechtzukommen. Manchmal ist allein diese Erfahrung wichtig: Da ist jemand, der mich versteht.
Selbsthilfe kann deshalb mehr sein als die Weitergabe von Informationen. Sie kann Begegnungen ermöglichen, Mut machen und helfen, einen Rückzug zu durchbrechen, bevor er zum festen Bestandteil des Lebens wird.
Und möglicherweise liegt genau darin auch eine Form von Prävention: Wer rechtzeitig Unterstützung findet, kann neue Wege entdecken, bevor sich Belastungen verfestigen und eine weitergehende Unterstützung notwendig wird.
Miteinander statt nebeneinander
Der diesjährige Welttag der seelischen Gesundheit und die anschließende Woche der Seelischen Gesundheit stehen unter dem Motto „Miteinander statt nebeneinander – für eine Gesellschaft, in der jede Psyche zählt“.
Dieser Gedanke passt auch zur Situation vieler Menschen mit Hörbeeinträchtigung.
Denn ein gutes Miteinander setzt voraus, dass Menschen miteinander kommunizieren können – und dass diejenigen, die schlecht hören, nicht irgendwann aus Gesprächen und Begegnungen herausfallen.
Dazu können technische Hilfsmittel beitragen. Hörgeräte und Cochlea-Implantate können neue Möglichkeiten eröffnen. Ebenso wichtig sind aber verständnisvolle Gesprächspartner, geeignete Kommunikationsbedingungen und Menschen, mit denen man Erfahrungen teilen kann.
Selbsthilfe kann nicht jedes Problem lösen. Aber sie kann verhindern helfen, dass ein Mensch mit seinem Problem allein bleibt.
Vielleicht beginnt der Weg zurück in die Gemeinschaft deshalb manchmal mit etwas ganz Einfachem:
Mit einem Gespräch, mit jemandem, der zuhört, und mit der Erfahrung: Ich bin nicht allein




