Wie fühlt sich Alltag ohne Augenlicht an?

– Ein Erfahrungsbericht.

Am 16. Mai besuchten meine Freundin und ich in Hamburg die Ausstellung „Dialog im Dunkeln“. Da Silkes Mutter vollständig erblindet ist, wollten wir uns einen Eindruck über den Alltag von blinden Menschen verschaffen.

Zu Beginn wurden wir von einem blinden Guide begrüßt. Danach mussten wir alle unsere Handys ausschalten, sowie Lichtquellen, z. B.  Uhren mit Leuchtziffern ablegen, damit wir uns vollständig auf die Situation konzentrieren konnten 

In kleinen Gruppen von 8 Personen gingen wir gemeinsam in völlig dunkle Räume. Es war ringsum schwarz. Anfangs war das sehr ungewohnt und sogar ein bisschen beängstigend, weil man wirklich nichts sehen konnte. Wir hatten das Gefühl, die Orientierung komplett zu verlieren und leichter Schwindel kam auf. Unsere Stresshormone brachten uns in Alarmbereitschaft, was sich nach kurzer Zeit legte, so dass wir uns dann in der Dunkelheit wieder konzentrieren konnten. Dadurch, dass wir beide beidseitig CI-Trägerinnen sind, klappte es mit dem Richtungshören nicht immer so gut und es machte sich anfangs ein Gefühl der Beklemmung breit. Zum Glück hatten wir gut hörende Partner (Mann und Sohn) zur Begleitung mitgenommen.

Auch der blinde Guide gab sich große Mühe uns ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln. Immer wieder rief er die einzelnen Personen mit Namen auf und langsam machte sich ein anderes Gefühl breit. Ein Gefühl des Stolzes, dass wir die Herausforderung angenommen hatten und schafften.

Unser Guide führte uns durch verschiedene Alltagssituationen. Durch eine Tür in die Küche. Dort tasteten wir den Herd, die Geschirrspüle und einen Stuhl ab. Es ging weiter durch einen Park und über eine Hängebrücke. Silke sagte: „Plötzlich höre ich die Geräusche viel deutlicher als sonst, etwa Schritte, Stimmen oder das Rascheln von Blättern“. Auch Gerüche und Berührungen nahmen wir intensiver wahr. Besonders schwierig war es, sich ohne Augenlicht sicher zu bewegen.

Des Weiteren überquerten wir eine Straße, wo wir erstmal das Signal des Pieptons abwarten mussten, bevor wir auf die andere Straßenseite wechseln konnten. Wie im realen Leben, runter vom Bordstein und an den Autos vorbei.

Am Ende der Führung, im belebten Café, wie im Alltag haben wir an der Theke unsere Getränke bestellt. Nachdem jeder seinen Platz am Tisch gefunden hatte, konnten wir unserem Guide Fragen stellen. Er erzählte offen von seinem Alltag als blinder Mensch und erklärte, welche Herausforderungen, aber auch welche Möglichkeiten es gibt. Das Gespräch hat uns sehr beeindruckt, weil wir gemerkt haben, wie selbstständig und positiv viele blinde Menschen leben.

Als wir nach einer Stunde aus völliger Dunkelheit wieder ans Tageslicht kamen, waren wir zwar vom konzentrierten Hören etwas erschöpft, aber auch stolz, diese Herausforderung geschafft zu haben.

Wir vier haben großen Respekt vor blinden Menschen bekommen und uns aber auch vorgenommen, künftig noch mehr auf die eigenen Augen zu achten. Die Ausstellung war nicht nur spannend, sondern auch sehr lehrreich. Wir würden jedem empfehlen, diese Erfahrung einmal selbst zu machen.

Silke Müller und Carola Riemann, CIV-Nord Beisitzerin