Barrierefreiheit beginnt nicht bei der Rampe

CIV-Nord macht auf unsichtbare Barrieren für Menschen mit Hörbehinderung aufmerksam

Bremen, Oktober 2026. Barrierefreiheit wird häufig mit Rampen, Aufzügen oder breiten Türen verbunden. Für Menschen mit Hörbehinderung liegen die entscheidenden Barrieren jedoch oft ganz woanders: bei Durchsagen, Gesprächen und Informationen, die zwar akustisch vorhanden sind, aber nicht zuverlässig verstanden werden können. Der Cochlea Implantat Verband Nord e.V. (CIV-Nord) möchte deshalb den Blick auf einen Bereich lenken, der im öffentlichen Leben noch immer leicht übersehen wird: die kommunikative Barrierefreiheit.

Ein persönliches Erlebnis macht das Problem deutlich: Eine kurzfristige Änderung des Abfahrtsgleises wurde auf einem Bahnsteig lediglich durchgesagt. Die Information wurde nicht verstanden – und der Zug fuhr ab. Die Durchsage war vorhanden. Sie hatte ihr Ziel dennoch nicht erreicht.

Hören bedeutet nicht automatisch Verstehen

Ein Hörgerät oder Cochlea-Implantat kann Menschen mit Hörverlust ein erheblich besseres Hören ermöglichen. Damit ist jedoch nicht garantiert, dass Sprache in jeder Situation problemlos verstanden wird. Hintergrundgeräusche, Raumhall, größere Entfernungen oder mehrere gleichzeitig sprechende Menschen können das Sprachverstehen erheblich erschweren. Besonders problematisch sind Situationen, in denen wichtige Informationen ausschließlich akustisch vermittelt werden – etwa im Wartezimmer einer Arztpraxis, am Informationsschalter einer Behörde, an einer Hotelrezeption oder auf einem Bahnhof und Flughafen.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht nur, ob ein Mensch hören kann, sondern ob die Information auch verstanden wird.

Wenn Informationen nicht ankommen

Gerade öffentliche Einrichtungen sollten deshalb überlegen, ob wichtige Informationen auf mehreren Wegen zugänglich gemacht werden. Eine Änderung des Abfahrtsgleises kann beispielsweise gleichzeitig angesagt und auf einer Anzeige dargestellt werden. Ein Aufruf im Wartezimmer kann zusätzlich auf einem Bildschirm erscheinen. Auch ein gut sichtbares Gesicht, deutliches Sprechen, eine ruhige Gesprächsumgebung oder eine kurze schriftliche Ergänzung können in einem persönlichen Gespräch einen großen Unterschied machen.

Technische Lösungen gibt es ebenfalls. In vielen öffentlichen Einrichtungen werden beispielsweise bereits induktive Höranlagen oder andere drahtlose Übertragungssysteme eingesetzt. Eine weitere Möglichkeit eröffnet inzwischen Auracast, eine auf Bluetooth LE Audio basierende Übertragungstechnik. Dabei kann ein Audiosignal gleichzeitig an zahlreiche kompatible Empfangsgeräte übertragen werden – beispielsweise an geeignete Hörgeräte, Kopfhörer oder Smartphones. Damit könnte beispielsweise eine Flughafendurchsage direkt im persönlichen Hörsystem ankommen, anstatt ausschließlich über die Lautsprecher des Terminals übertragen zu werden.

Wie eine solche Lösung praktisch eingesetzt werden kann, wird bereits am Flughafen Frankfurt erprobt. Dort wurden an den Gates A16 und A17 im Terminal 1 Auracast-Sender für Gate-Durchsagen eingerichtet. Fraport bezeichnet Frankfurt als weltweit ersten Flughafen, der Auracast für öffentliche Gate-Durchsagen einsetzt. Auch die Interessenverbände beschäftigen sich intensiv mit der neuen Technologie. Der Deutsche Hörverband, die Deutsche Cochlea Implantat Gesellschaft und der Deutsche Schwerhörigenbund sehen darin große Chancen für mehr Hör-Barrierefreiheit. Gleichzeitig weisen sie darauf hin, dass die Technik noch nicht flächendeckend verfügbar ist und bestehende Lösungen wie induktive Höranlagen deshalb weiterhin benötigt werden.

Barrierefreiheit beginnt mit Aufmerksamkeit

Technik allein kann das Problem jedoch nicht lösen. Eine wichtige Voraussetzung ist zunächst das Bewusstsein dafür, dass Hörbehinderungen häufig unsichtbar sind. Wer in einem Wartezimmer nicht auf seinen Namen reagiert, mehrfach nachfragt oder eine Information nicht richtig verstanden hat, ist deshalb nicht automatisch unaufmerksam. Vielleicht wurde die Information schlicht nicht auf eine Weise vermittelt, die diese Person zuverlässig erreichen konnte.

Der CIV-Nord möchte deshalb auch für einfache und unmittelbar umsetzbare Lösungen sensibilisieren. Ein kleines Hinweiskärtchen kann beispielsweise in einer Arztpraxis darauf aufmerksam machen: „Ich kann Ihren Aufruf möglicherweise nicht verstehen. Bitte sprechen Sie mich persönlich an.“ Eine solche kleine Hilfe kann verhindern, dass Menschen ihren Aufruf verpassen – und sie macht gleichzeitig eine unsichtbare Behinderung sichtbar.

Kommunikative Barrierefreiheit ist Teil von Inklusion

Für den CIV-Nord gehört kommunikative Barrierefreiheit selbstverständlich zur gesellschaftlichen Teilhabe. Eine Rampe ermöglicht einem Menschen mit Rollstuhl, ein Gebäude zu erreichen. Eine barrierefreie Kommunikation ermöglicht einem Menschen mit Hörbehinderung, zu verstehen, was in diesem Gebäude geschieht. Deshalb sollte die Frage bei der Planung öffentlicher Kommunikation nicht nur lauten: „Ist die Information vorhanden?“, sondern: „Erreicht diese Information auch wirklich alle Menschen, für die sie bestimmt ist?“

Der Cochlea Implantat Verband Nord e.V. setzt sich als Selbsthilfeverband für die Interessen von Menschen mit Cochlea-Implantaten und anderen Hörbehinderungen ein und möchte mit seiner Öffentlichkeitsarbeit dazu beitragen, kommunikative Barrieren stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Der ausführliche Beitrag „Barrierefreiheit beginnt nicht bei der Rampe“ ist auf der Website des CIV-Nord veröffentlicht. https://civ-nord.de/2026/09/30/barrierefreiheit-beginnt-nicht-bei-der-rampe/