TICI – wenn das Cochlea-Implantat unsichtbar wird
Eine neue Generation der Hörimplantate steht am Beginn ihrer Entwicklung
Stell Dir vor, Du wachst morgens auf und kannst hören, ohne zuerst einen Audioprozessor hinter dem Ohr anlegen zu müssen. Du gehst duschen, treibst Sport oder schwimmst – und musst Dich dabei nicht um ein externes Hörgerät kümmern. Auch nachts bleibt das Hören möglich. Was sich lange nach Zukunftsmusik anhörte, wird inzwischen Realität: vollständig implantierbare Cochlea-Implantate, kurz TICI, bei denen nicht nur der eigentliche Implantat-Teil, sondern auch Mikrofon und weitere technische Komponenten unter der Haut liegen. Doch die Entwicklung steht noch am Anfang. Und sie schreitet derzeit ausgesprochen schnell voran.
Was ist bei TICI anders?
Ein klassisches Cochlea-Implantat besteht vereinfacht gesagt aus einem implantierten Teil und einem außen getragenen Audioprozessor. Dieser nimmt die Umgebung auf, verarbeitet die Schallsignale und überträgt sie an das Implantat. Bei einem vollständig implantierbaren System soll auch dieser äußere Teil unsichtbar sein.
Beim neuen TICI UNICO von MED-EL befinden sich nach Angaben des Herstellers alle Komponenten einschließlich des Mikrofons unter der Haut. Das Mikrofon nimmt den Schall durch die Haut auf. Ein außen getragener Audioprozessor ist damit nicht mehr erforderlich. Für die Nutzerinnen und Nutzer könnte das vor allem eines bedeuten: Das Hören wird unabhängiger von einem Gerät, das bisher sichtbar am Ohr getragen werden muss.
Was könnte das im Alltag verändern?
Der Unterschied zeigt sich vor allem in Situationen, die viele CI-Träger kennen. Ein klassischer Audioprozessor muss beim Duschen oder Schwimmen je nach System abgenommen oder entsprechend geschützt werden. Auch beim Schlafen wird er normalerweise nicht getragen. Sport kann zusätzliche Vorsicht erfordern, und ein externes Gerät kann verloren gehen oder beschädigt werden. Ein vollständig implantiertes System eröffnet hier neue Möglichkeiten.
MED-EL beschreibt für TICI UNICO Hören rund um die Uhr – auch beim Schlafen, beim Sport und im Wasser. Außerdem entfällt die Sorge, einen externen Audioprozessor zu verlieren oder zu beschädigen. Für einen Menschen mit CI kann das mehr bedeuten als nur ein technischer Fortschritt. Es könnte bedeuten, nicht mehr ständig darüber nachdenken zu müssen, ob das eigene Hörsystem gerade getragen werden kann.
Eine besondere technische Herausforderung
Ganz so einfach, wie es auf den ersten Blick klingt, ist die Entwicklung allerdings nicht. Bei einem herkömmlichen CI befinden sich die Mikrofone am außenliegenden Prozessor, also außerhalb des Körpers. Bei einem vollständig implantierbaren System muss es unter der Haut arbeiten. Die Schallaufnahme durch Haut und Gewebe war deshalb eine der großen technischen Herausforderungen bei der Entwicklung von TICI.
MED-EL gibt an, mit dem TICI UNICO eine implantierte Mikrofontechnologie entwickelt zu haben, die Schall durch die Haut aufnimmt. Nach Angaben des Herstellers zeigen klinische Daten und bisherige Erfahrungen eine Hörleistung, die mit etablierten CI-Systemen vergleichbar sei. Für Betroffene ist dabei eine wichtige Unterscheidung notwendig: TICI ist kein „besseres CI“ im grundsätzlichen Sinne. Es ist vor allem eine andere Form, die notwendige Technik unterzubringen.
MED-EL ist bereits einen Schritt weiter
Die Entwicklung hat im Herbst 2026 einen entscheidenden Schritt gemacht. MED-EL hat am 29. September 2026 das TICI UNICO vorgestellt. Nach Angaben des Unternehmens ist es das weltweit erste kommerziell verfügbare vollständig implantierbare Cochlea-Implantat. Das System hat die CE-Kennzeichnung erhalten und wird derzeit in mehreren europäischen Ländern eingeführt. Das bedeutet allerdings nicht, dass nun jeder CI-Träger einfach auf TICI wechseln kann.
TICI UNICO ist für Menschen mit schwerer bis hochgradiger Innenohrschwerhörigkeit vorgesehen. Ob eine Versorgung infrage kommt, muss – wie bei jedem Cochlea-Implantat – individuell durch ein spezialisiertes CI-Team geprüft werden. Dabei spielen medizinische, audiologische und anatomische Voraussetzungen eine Rolle. Auch die Frage, welche Kliniken das System bereits anbieten und für welche Patientinnen und Patienten es konkret verfügbar ist, befindet sich derzeit noch in der Entwicklung.
Und was macht Cochlear?
Auch der zweite große Hersteller von Cochlea-Implantaten arbeitet intensiv an vollständig implantierbaren Systemen. Cochlear hat am 28. September 2026 bekannt gegeben, dass die Aufnahme von Probandinnen und Probanden für die zulassungsrelevanten ELEVATE- und ENTERPRISE-Studien abgeschlossen ist. An diesen beiden Studien nehmen insgesamt 92 Personen teil. Sie werden weiter beobachtet und untersucht, während Cochlear bereits die Zulassungsanträge für das Entwicklungsprogramm vorbereitet.
Über das gesamte Forschungsprogramm hinweg wurden nach Angaben des Unternehmens inzwischen mehr als 100 Menschen mit einer voll implantierbaren Hörlösung versorgt. Die bisher gesammelte Erfahrung umfasst mehr als eine Million Stunden. Damit zeigt sich auch, wie schnell sich das Feld derzeit entwickelt: Während MED-EL bereits ein kommerziell verfügbares System vorstellt, befindet sich Cochlear noch auf dem Weg zur Zulassung.
Noch ist vieles in Bewegung
Gerade dieser unterschiedliche Entwicklungsstand ist für uns Nutzer wichtig. TICI ist kein abgeschlossenes Kapitel der CI-Geschichte. Im Gegenteil: Die Technologie befindet sich gerade an einem Punkt, an dem aus jahrzehntelanger Forschung erste kommerzielle Anwendungen entstehen. Für Menschen mit Hörbehinderung ist deshalb interessant, die Entwicklung weiter zu beobachten. Vielleicht werden vollständig implantierbare Systeme in einigen Jahren eine wesentlich größere Rolle in der CI-Versorgung spielen. Vielleicht entstehen weitere technische Lösungen, die wir heute noch gar nicht absehen können.
Fest steht: Der Wunsch nach einem Hörsystem, das sich möglichst selbstverständlich in den Alltag integriert, ist keine Zukunftsvision mehr.
Was bedeutet das für CI-Träger?
Für Menschen, die heute mit einem klassischen Cochlea-Implantat leben, ändert sich zunächst nichts. Die bewährten Systeme bleiben selbstverständlich bestehen und werden ebenfalls weiterentwickelt. TICI ist vielmehr eine zusätzliche Möglichkeit, die für bestimmte Menschen interessant sein kann. Dabei sollte die Unsichtbarkeit allein nicht zum entscheidenden Kriterium werden. Wie bei jeder medizinischen Versorgung kommt es darauf an, welche Hörleistung erreicht werden kann, welche medizinischen Voraussetzungen vorliegen und welche Lösung individuell am besten geeignet ist. Deshalb sollte die Entscheidung für oder gegen ein vollständig implantierbares System immer gemeinsam mit einem erfahrenen CI-Team getroffen werden.
Nun stellt sich mancher die Frage: Soll ich mit meiner geplanten CI-Operation noch warten?
Die Antwort lässt sich nicht pauschal geben. Wer heute für ein CI infrage kommt, sollte eine notwendige Versorgung nicht allein in der Hoffnung auf eine künftig verfügbare Technologie aufschieben. Wann der richtige Zeitpunkt für eine Implantation ist, hängt von der individuellen Hörsituation und den medizinischen Voraussetzungen ab und sollte gemeinsam mit dem behandelnden CI-Team entschieden werden. TICI ist eine zusätzliche Möglichkeit für ausgewählte Patientinnen und Patienten – und nicht automatisch die bessere Alternative zu einem herkömmlichen Cochlea-Implantat.
Rund um die Uhr hören können – aber nicht rund um die Uhr hören müssen
Eine interessante Frage stellt sich beim Hören während des Schlafs: Wie fühlt es sich an, wenn ein Mensch nach vielen Jahren oder Jahrzehnten mit stark eingeschränktem oder fehlendem Hören plötzlich auch nachts grundsätzlich hören kann? Für manche Menschen könnte es angenehm und beruhigend sein, wichtige Geräusche, einen Wecker oder einen Ruf auch im Schlaf wahrnehmen zu können. Andere möchten vielleicht bewusst eine akustische Ruhephase haben. Beim TICI UNICO ist beides möglich: Das Implantat kann auch nachts aktiv bleiben, lässt sich bei Bedarf aber ausschalten. Wie Menschen mit langjähriger Taubheit diese neue Möglichkeit erleben, ist eine Frage, die auch in Zukunft genauer untersucht werden sollte.
Ein Blick in die Zukunft
Die Geschichte des Cochlea-Implantats ist immer auch eine Geschichte technischer Entwicklung. Was vor Jahrzehnten noch kaum vorstellbar war, ist heute für viele Menschen selbstverständlich. Mit TICI kommt nun eine weitere Entwicklung hinzu: Das Cochlea-Implantat könnte so selbstverständlich werden – auch weil man es von außen gar nicht mehr sieht. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Bedeutung dieser neuen Technologie. Nicht darin, dass ein Gerät verschwindet, sondern darin, dass Menschen mit Hörverlust im Alltag weniger über ihre Technik nachdenken müssen – und mehr über das Leben, das sie mit ihr führen.
CIV-Nord wird die weitere Entwicklung aufmerksam verfolgen und auch künftig über neue Erkenntnisse, Entwicklungen und Erfahrungen rund um vollständig implantierbare Cochlea-Implantate berichten.
Quellen
MED-EL: „MED-EL präsentiert das weltweit erste und einzige unsichtbare Cochlea-Implantat MED-EL TICI UNICO“, Pressemitteilung vom 29. September 2026.
MED-EL: Informationen zum TICI UNICO – vollständig implantierbares Cochlea-Implantat.
Cochlear Deutschland: „Cochlear evaluiert vollimplantierbares Hörsystem (TICI): Forschungsprogramm mit mehr als 1 Million Stunden Patientenerfahrung“, Pressemitteilung vom 28. September 2026.


